Wenn mann sich als Zuschauer an Kirmestagen die Schützenumzüge ansieht muss mann sich die Frage stellen:
Warum machen die das?
Warum marschieren die kilometerlang bei strömenden Regen oder brütend heißer Sonne in Uniform durch unser Dorf?
Was ist so toll daran mit einer Meute gleichgesinter verschiedenster Schützenzüge tagelang Kirmes zu feiern?
Dazu gleich der erste Einwand: Es wird nicht Kirmes gefeiert, wir feiern unser Heimatfest. Im Laufe der Zeit
ist drumherum eine Kirmes zur Belustigung Aller hinzugekommen. Aber fangen wir von vorne an...
2. Entstehung der Bruderschaften
Im auslaufenden Mittelalter wurde großer Wohlstand und Reichtum überall da angesammelt, wo Dörfer zu Städten
heranwuchsen, bzw. Menschen Städte gründeten. Und da Wohlstand und Reichtum wiederum leider auch Menschen anzogen,
welche den Wohlhabenden nicht immer freundlich gesonnen waren, galt es diesen Reichtum zu schützen. Der Adel
lebte in der Regel hinter schützendem Mauerwerk auf Burgen, für Schutz sorgten Männer die unter Sold standen
und Wache schoben.
Mauern zu errichten war den Städtern dank ihres wachsenden Wohlstandes möglich. Aber: Wer sollte
diese Mauern schützen? Ein Heer von Söldnern anzustellen war problematisch. Zum einen kosteten diese viel Geld. Und zum
anderen konnte man nicht wirklich sicher sein das diese bewaffneten Truppen sich nicht gegen die eigene Stadt stellen um
sie selber auszuplündern. Es mussten also loyale Männer her die bereit waren die Stadt unter Einsatz ihres Lebens zu verteidigen.
Aber woher nehmen und nicht stehlen?
Die Lösung hierfür lieferte eine Idee, die sich um das Jahr 1300 von Flandern aus über das Rheinland, bis hin in die Gebiete der
heutigen östlichen Bundesländer ausbreitete. Sie war so einfach wie effizient: Jeder erwachsene Mann ab einem bestimmten
Mindestalter hatte einen Eid auf die Stadt abzulegen, den sogenannten Bürgereid. Dazu gehörte das er regelmäßig Wachdienste
zu übernehmen hatte, im Regelfall bei Nacht. (In unruhigen Zeiten aber auch bei Tage). Je nach Stadt wurden weitere Verpflichtungen
auferlegt, so wurde z.B. in Neuss vorausgesetzt das jeder Bürger einen Harnisch oder ähnliche Bewaffnung mitbrachte. Dies hatte
für die Stadt gleich mehrer Vorteile: Die nötige Bewachung übernahmen loyale Männer, für (teure) Waffen war gesorgt und es gab
eine indirekte Zugangsbeschränkung. Denn teure Waffen konnte sich nicht jeder dahergelaufene Zuwanderer leisten, wer die
Bürgerrechte wollte musste etwas mitbringen. Und wer sich eine Bewaffnung leisten konnte, war vermutlich schon in geringem
Maße wohlhabend, belastete also die Gemeinschaft nicht fnanziell. So entlasteten bewaffnete Bürger einer Stadt die Kasse, und
bewaffnete Städte Herzogtümer und Könige. Für Sicherheit war gesorgt, und darauf waren die wachdienst leistenden Bürger stolz.
Um sich besser organisieren zu können und um ein klar umrissenes Regelwerk in geltendes Recht umzuwandeln,
gründeten nun diese Bürger Bruderschaften. Diese Bruderschaften wurden nach dem Namen ihres Schutzpatrones St. Sebastianus
Bruderschaft gennant. (Die Sebastianusbruderschaft in Büttgen wurde 1415 gegründet.) Innerhalb dieser Bruderschaften sorgten die
Mitglieder gemeinschaftlich füreinander. Die Bruderschaften schrieben das religöse Leben der Mitglieder vor, sie organisierten den
Schutz der Städte, lehrten den Umgang mit Waffen (Schwert, Harnisch, Helebarde, Pfeil und Bogen, Armbrust und später auch
Schusswaffen) und führten jährlich Musterungen von Mann und Material durch. Und auch nach dem Tode sorgten die Bruderschaften
für ihre Mitglieder: Jedem Bruderschaftsmitglied war ein ordentliches Begräbnis sicher. Aus heutiger Sicht kein besonderer Anreiz,
aber für Menschen die im Mittelalter lebten von enormer Wichtigkeit. Ausserdem wurden von den Bruderschaften Wettbewerbe im
Umgang mit den Waffen veranstaltet. (Die sich in heutigen Schießsportwettkämpfen wiederfinden.) Als Bruderschaftsmitglied aktiv
zu sein hatte also für die Bürger der damaligen Zeit einen hohen Anreiz.
3. Das 19.te Jahrhundert
Schon kurz nach ihrer Gründung hat so manche Bruderschaft ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen müssen; ein
Paradebeispiel hierfür ist die Belagerung der Stadt Neuss Ende des 15.Jhdt. Nur ca. 50 Jahre nach ihrer Gründung
1425 haben die Männer der Sebastianusbruderschaft die Stadt Neuss gegen eine fast ein jährige Belagerung (!) erfolgreich
verteidigt. Eine so erfolgreiche Verteidigung gegen die Truppen Karls des Kühnen wäre ohne eine gutorganisierte
Bruderschaft und ohne tapfere Männer wahrscheinlich nicht so erfolgreich verlaufen. Aber auch gegen raubende Banden,
marodierende Truppen während des 30 jährigen Krieges und andere unerfreuliche Zeitgenossen stellten die Bruderschaften
einen wirkungsvollen Schutz dar.
Im Laufe der Zeit haben sich die Bruderschaften den Erfordernissen der jeweiligen Zeit angepasst.
Die Waffentechnologie entwickelte sich weiter und Kriege hatten räumliche und soziale Veränderungen zur Folge. So drängten
Wehrpflicht und politische Änderungen den aktiven Wachdienst in den Hintergrund. Und und in den 1840er Jahren verbot die
Regierung das bis dahin übliche Tagen Militärischer Uniformen, Rangabzeichen und scharfer Waffen bei Bruderschaftsaufzügen.
Die Schützen mussten ihre militärischen Rangabzeichen und Orden ablegen, eigene Uniformen kreieren (die im Wesentlichen
an "echte" Unfiormen angelehnt waren) und ersetzten scharfe Waffen durch Holzgewehre. Die Schützen gruppierten sich in
Vereinen die sich als Abkömmlinge militärischer Einheiten sahen, aber es kamen auch neu gegründete Vereine hinzu die sich
eher am Stammtisch denn am militärischen orientierten.
Die Industriealisierung überflutete das Land mit Wohlstand, es bildete sich ein Bürgertum und der aktive
Wachdienst wurde überflüssig. Im 19.Jhdt. haben die Bruderschaften die wohl stärksten Veränderungen in ihrem 500 jährigen
Bestehen durhlebt. Aus diesen Veränderungen sind die Schützenvereine heutiger Prägung hervorgegangen. Die Uniformen wurden
zahlreicher (und bunter) und gerne wird symbolisch ein Holzgewehr getragen. Aber bei all diesen Veränderungen ist eines
geblieben:
Der Sinn für Gemeinschaft und Heimat!
4. Die SSG Büttgen
Die heutigen Schützenzüge sind gelebter Ausdruck dieses Gemeinschaftssinnes. Wenn wir zum Heimat- bzw. Schützenfest
den vorbeimarschierenden Schützen in Uniform mit Holzgewehr zujubeln, dann tun wir das weil sie Ausdruck unserer
Heimat sind. Sie stehen für das gemeinschaftliche Erleben in unserem Dorf, in unserer Gemeinde und unserer Stadt.
Der Landschaftsverband Rheinland hat ein Forschungsprojekt zum Thema:
"Mitmachen" ist die Hauptmotivation der in Schützenvereinen organisierten Bürgerinnen und Bürger. Einem Schützenverein
beizutreten bedeutet Spaß am gemeinschaftlichen Erleben zu haben. Sich eine Heimat zu schaffen oder eine Heimat zu finden.
So geht es allen Schützen, und so ist es auch Werner Schmit gegangen, einer der Gründer der Scheibenschützen
Gesellschaft Büttgen 1950 e.V..
Werner Schmidt wurde am 3.Mai 1915 als Sohn eines Bauern in Jasenitz westlich der Oder bei Stettin in Pommern geboren.
Dort wurde er Drogist. Ein halbes Jahr war er im Arbeitsdienst, bevor er 1937 aktiver Soldat wurde und 1939 in den Krieg
ziehen mußte. 1945 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Nach Hause konnte er nicht, weil seine Heimat den
Polen im Potsdamer Abkommen übergeben worden war, dort Polen angesiedelt und die Deutschen von dort vertrieben wurden.
Er kam auf seiner Wanderschaft nach Büttgen und baute in der Gladbacher Straße 1946 eine Drogerie auf. An seinem ersten
Tag in Büttgen lernte er seine spätere Frau Christel kennen. Sie haben zusammen mit Fleiß und Geschick ein gemeinsames
Leben aufgebaut. 1954 konnten sie an der Bahnstraße ihr neues Haus beziehen und die neuen Geschäftsräume eröffnen, die
sie bis 1980 betrieben. Werner und Christel Schmidt haben eine Tochter und zwei Enkelinnen.
Sein Lebenslauf ist exemplarisch für viele Menschen dieser Generation: Zu Zeiten Kaiser Wilhelms des II.ten geboren,
aufgewachsen in einem strengen Wertesystem hat er den Krieg überlebt und findet sich aus seiner Heimat vertrieben in
einem für ihn fremden Rheinland wieder. Und was macht er da? Er holt tief Luft und schafft sich eine neue Heimat!
Genau so wie Fremde, den Städten zugezogene Bürger einen Eid ablegten und einer Bruderschaft beitraten um siche ihre
neue Heimat zu schaffen, sie zu hegen und zu pflegen, haben es Werner Schmit und viele andere Menschen in Büttgen gemacht.
Mit Menschen wie ihnen bekommt eine Gemeinschaft Farbe, wird Heimat geschaffen und/oder gepflegt. Und das will nach Außen
hin gezeigt und gefeiert werden! Darum feiern wir ein Heimat- und Schützenfest und darum tragen wir einen Uniform wenn
wir durch die Straßen marschieren um zu zeigen: Hier sind wir zu Hause, das haben wir geschaffen und darauf sind
wir stolz!
Unverzichtbarer Teil dieser Geminschaft ist die SSG Büttgen. Im Auftrag des Regimentes richten wir auf unserem
Schießstand in Büttgen das Regimentsschießen aus. Viele unserer Mitglieder sind in der St. Sebastianus Bruderschaft in
Büttegn aktiv. Und mit Willi Crombach stellen wir den Böllermeister der mit seiner Kanone durch laute Böllerschüsse das
Schützenfest eröffnet.
Und dann wird wieder gefeiert!
(An dieser Stelle hoffen wir mit einigen Vorurteilen bzgl. des Schützenwesens aufgeräumt zu haben. Es handelt sich nicht
um eine Bande von Kampftrinkern die einen Grund zum Alkoholkonsum suchen, sondern einfach um nette Menschen die hier
gerne Leben und das ausdrücken wollen. Und wenn Sie mitmachen wollen da wissen Sie ja jetzt wo Sie das können. Am
besten geht's natürlich bei der SSG Büttgen ;-)